Wenn wir die Rolle der Bibel in der Armenischen Kirche betrachten, denken wir an die Rolle des Blutes, wie es im menschlichen Körper kreist. In der gesamten Geschichte der Armenischen Kirche, wie auch heute, nimmt die Bibel eine zentrale Stellung ein.

Der Name

Im Armenischen heißt die Bibel mit ihrem vollen Namen „Asdwadzaschuntsch Madyan“, eine Bezeichnung, die allgemein von der Bevölkerung gebraucht wird und nicht nur auf Geistliche oder Theologen beschränkt ist. Es bedeutet „Göttlich inspiriertes Buch“. Aber die Bibel wird einfach „Asdwadzaschuntsch“ genannt, was „Hauch Gottes“ bedeutet. Dieser Name hat seinen Ursprung in den Schriften des Apostels Paulus (siehe 2. Timotheus 3, 16). Während Paulus diesen Begriff beiläufig gebraucht, haben die Armenier darin eine reiche theologische Wirklichkeit erkannt, welche die Bibel in ihrem tiefsten und wahrsten Sinn ausmacht. Das Wort deutet auf den Kern des Standpunktes der Armenier hin. Für sie ist die Bibel tatsächlich der Hauch Gottes, der sich in Form einer geistigen und intellektuellen Kraft ausbreitet, um Gnade und Weisheit zu schenken, die die buchstäbliche Bedeutung der Worte als solche übersteigt.

Die Bibel in der Geschichte

Schauen wir uns die Bibel aus der Perspektive der armenischen Geschichte an. Wann kamen die Armenier erstmals mit ihr in Berührung?

Der christliche Glaube in Armenien ging dem Text der Bibel voraus. Schon im ersten Jahrhundert brachten apostolische Missionen das Christentum in unser Land. Laut einer frühen Überlieferung wurde das Christentum in Armenien zuerst durch den Hl. Taddäus und den Hl. Bartholomäus, zwei der zwölf Apostel Jesu, verkündigt. Aber bis zu Beginn des fünften Jahrhunderts predigten die Mönche und Missionare das Evangelium, lasen aus der Bibel in Griechisch oder Syrisch, und übersetzten diese Lesungen mündlich ins Armenische. Aber diese Methode, das Wort Gottes zu verbreiten, war entmutigend und ineffektiv. Geschichtsschreiber des vierten und fünften Jahrhunderts legen wenig begeisternde Zeugnisse über die Lage des Christentums in Armenien ab. Obwohl die Leute als Christen getauft waren, beklagen sich diese Schreiber gewöhnlich über die Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit der Bevölkerung. Tatsächlich waren die Neubekehrten nicht zu einem christlichen Leben geführt worden, weil sie keinen direkten Zugang zu Gottes Wort in ihrer eigenen Sprache hatten. Sie wussten von der Bibel, aber kannten die Bibel nicht. Das Christentum schien etwas außerhalb ihres Lebens in ihrem Volk und ihrer Heimat zu sein – etwas, was ihnen auferlegt und ihrem kulturellen Ethos fremd war.

„Tag und Nacht schütteten die Mönche die christliche Lehre über die Bevölkerung aus, wie einen sturzbachartigen Regen aus den Wolken, aber keiner von ihnen, nicht ein einziger, konnte ein Wort verstehen“. Schreibt der Geschichtsschreiber aus dem fünften Jahrhundert, Pavstos von Byzanz:

Es gab eine Art unsichtbaren, aber undurchdringlichen Schirm zwischen dem Wort Gottes und der Bevölkerung. die Heilige Schrift war in den Ohren der Armenier eine Fremdsprache, die keinen unmittelbaren Weg zu ihren Herzen und ihrem Verstand fand.

Unter diesen Umständen konnte die Evangelisationsarbeit bestenfalls ein langsamer Prozess mit entmutigender Wirkung auf die Prediger sein. Sicherlich gab es kein besseres Mittel, diese Aufgabe zu erfüllen, als dem Volk einen unmittelbaren Zugang zu der ursprünglichen Niederschrift des christlichen Glaubens -zu Heiligen Schrift- zu ermöglichen. Eine Kirche ohne die Bibel in den Händen ihrer Gläubigen konnte inmitten einer heidnischen Welt weder lange standhalten noch festbleiben. Den armenischen Kirchenvätern war die Notwendigkeit einer armenischen Übersetzung der Bibel äußerst bewusst. Aber zu der Zeit war wein armenisches Alphabet nicht vorhanden.

Anfang des 5. Jahrhunderts konnte ein Geistlicher -Mesrop Maschtotz, ein Mönch, der seine Missionierungsarbeit den abgelegenen Provinzen Armeniens widmete ein Alphabet entwickeln, das alle Besonderheiten der armenischen Aussprache wiedergeben konnte. Es folgte die große Arbeit der Übersetzung der Bibel. Die Übersetzung der Heiligen Schrift erzeugte bei den Armeniern eine völlige Umwandlung oder Umformung, deren wohltätige Auswirkungen nicht nur im fünften Jahrhundert sondern auch in den späteren Jahrhunderten bemerkbar wurden. Die gesamte armenische Literatur – und es wäre keine Übertreibung zu sagen: die gesamte armenische Kultur – wurde tief beeinflusst, nicht nur auf linguistische und literarische Weise, sondern auch und insbesondere auf psychologische, geistige und geistliche Weise. Mit den Worten eines berühmten armenischen Gelehrten, des Historikers und Byzantinisten Nikoghayos Adontz:

„Die lateinische Vulgata hatte nicht die gleiche Wichtigkeit für die lateinischen Länder, wie die armenische Bibel für die Armenier. Die lateinische Literatur bestand seit langem, als die Vulgata erschien. Die armenische Bibel hingegen führte den Beginn eines neuen Zeitalters herauf, in dem das armenische Volk, indem es erstmalig den Gebrauch des Schreibstiftes lernte, seinen Platz in der Weltzivilisation einnahm“.

In der gesamten klassischen armenischen Literatur kann man den Einfluss der Bibel erkennen. Sie kündigte nicht nur das Erwachen der armenischen Literatur als solcher an, sondern sie wurde die Inspiration für den gesamten Verlauf jener Literatur für viele spätere Jahrhunderte.

Der größte Teil der verbliebenen armenischen Manuskripte sind entweder vollständige Bibelexemplare oder Teile der Bibel als eigene Bücher -hauptsächlich das Neue Testament und die Psalmen.