Es gibt einen interessanten Mechanismus, der dem armenischen Kalender eigen ist und der sich von den Kalendersystemen anderer Kirchen unterscheidet.

In allen anderen christlichen Gemeinden (mit Ausnahme der Chaldäer) werden alle Feste, außer derjenigen die im Zusammenhang mit dem beweglichen Osterfest stehen, jährlich an einem festen Tag gefeiert. Die Armenische Kirche hat ein anderes System entwickelt, das auf dem wöchentlichen Zyklus basiert. Dies ist eine alte Tradition. In den ersten Jahrhunderten waren die Tage der Woche, besonders Sonntag (und später auch die Fasten-Tage Mittwoch und Freitag) das kontrollierende Element in der christlichen Festfeier. Der armenische Kalender folgt dieser alten Praxis, demnach Feste der Heiligen niemals am Sonntag, Mittwoch oder Freitag gefeiert werden können. Obwohl die Heiligen einen bestimmten Gedenktag im Synaxarion (Arm. Haysmawurq) haben, wird der Gedenktag übertragen, wenn das Datum auf einen Sonntag, Mittwoch oder Freitag fällt.

Andererseits werden wichtige Herren-Feste und Maria-Feste an dem Sonntag gefeiert, welches am nächsten zu ihrem festen Datum steht (z.B. Mariä Himmelfahrt hat ein festes Datum: 15. August. In der Armenischen Kirche wird dieser Fest aber an dem Sonntag gefeiert, der am nächsten zu diesem Datum steht, so kann es also zwischen dem 12. und 18. August gefeiert werden). Infolgedessen werden etwa 150 Tage im Jahres für Fasten und die Buße bestimmt, in dieser Zeit können Gedenktage der Heiligen nicht gefeiert. Weitere 150 Tage bleiben für das Gedenken an die Heiligen. Die Herren-Feste werden in den verbleibenden Tagen des Jahres gefeiert. Daher sind alle Festtage im armenischen Kalender, bis auf unterstehenden sechs Feste, beweglich:

  • Christi Geburt und Theophanie (6. Januar)
  • Darstellung des Herrn im Tempel (14. Februar)
  • Mariä Verkündung (7. April)
  • Geburt der Heiligen Jungfrau Maria (8. September)
  • Mariä Einführung in den Tempel (November 21)
  • Mariä Empfängnis von Anna (9. Dezember)

Abgesehen von dem Fest der Geburt Christi und Theophanie und dem Fest der Darstellung des Herrn im Tempel, wurden diese festen Gedenktage in den armenischen Kalender während des Mittelalters eingeführt. Die Verkündigung und die Geburt der Heiligen Jungfrau Maria wurden während des dreizehnten Jahrhunderts eingeführt, die Einführung in den Tempel und Mariä Empfängnis von Anna wurden im siebzehnten Jahrhundert angenommen. Alle anderen Feste werden, wie oben erwähnt, jedes Jahr zu einem anderen Datum gefeiert, obwohl ihnen ein festes Datum im Synaxarion zugewiesen ist.

Die Hauptfeste der Armenischen Kirche werden Taghawar’s genannt. Folgende fünf Taghawar’s feiert die Armenische Kirche:

1. Die Geburt und Taufe Christi: am 6. Januar;
2. Die Auferstehung Christi (Ostern): zwischen 23. März und 30. April;
3. Die Verklärung Christi: der 14. Sonntag nach dem Osterfest;
4. Die Marienhimmelfahrt: der Sonntag zwischen 12. und 18. August;
5. Das Kreuzerhöhungsfest: der Sonntag zwischen 11. und 17. September.

Das Synaxarion ist eine Sammlung von orthodoxen Heiligen, jeder Tag hat einen oder mehrerer Heilige (Martyrer, Apostel, Propheten, Hierarchen, Gottgeweihte, Gerechte) also Männer oder heilige Frauen, die Heilig gesprochen worden, es wird aus deren Leben berichtet, über das Martyrium das sie eventuell erlitten haben erzählt, wodurch sie sich ausgezeichnet haben.

Der wöchentliche Zyklus

In der armenischen Tradition gibt es drei Arten von Gedenken während der Woche:

  • Teruni (Herren-Feste): Alle Sonntage sind den Festen des Herrn gewidmet. Das Gedenken an die Heiligen darf am Sonntag niemals gefeiert werden. Einige wichtige Herren-Feste und Mariä-Feste werden an dem Sonntag gefeiert, der am nächsten an festen Datum des jeweiligen Festes steht.
  • Srboc (Feste der Heiligen): Die Feste der Heiligen verteilen sich montags, dienstags, donnerstags und samstags. Die sog. Großen Heiligen werden samstags gefeiert. Auch Herren-Feste oder Fasten-Tage können an diesen vier Tagen der Woche fallen.
  • Pahoc (Fastenzeit): Mittwoch und Freitag sind Tage des Fastens. An diesen Tagen werden keine Feste der Heiligen gefeiert. Es sind sog. Buß- und Bettage. Am Mittwoch fastet man im Gedenken an den Verrat des Herrn im Rat der Juden, am Freitag fastet man wegen der Kreuzigung des Herrn. Das Fasten spielt in der Armenischen Kirche eine große Rolle. Es soll vor allem das geistliche Leben unterstützen. Fasten ist ein Hilfsmittel um den Leib und die Seele zu beruhigen und das Gebet zu verstärken. Gebet und Fasten dienen so einer verstärkten Besinnung auf Gott und der Bekämpfung unserer geistigen Schwierigkeiten.

Der jährliche Zyklus

Der armenische jährliche Zyklus, wie der ostsyrische oder chaldäische, zeigt auch eine weitere Entwicklung im Vergleich zu den römischen oder byzantinischen Kalendern. Denn während die ersteren das ganze Jahr mit bestimmten Perioden oder Jahreszeiten gefüllt haben, unterscheidet der römische Kalender zum Beispiel nur den Osterfestkreis und Weihnachtsfestkreis von dem Rest des Jahres, welches als „gewöhnliche Zeit“ bezeichnet wird. Das liturgische Jahr der armenischen Kirche ist in acht große Perioden oder Jahreszeiten unterteilt, nämlich:

  • Geburt Christi und Theophanie
  • Fastenzeit
  • Ostern
  • Pfingsten
  • Verklärung des Herrn
  • Aufnahme Mariens in den Himmel
  • Kreuzerhöhungsfest
  • Hisnak bzw. Adventzeit