Unter Mysterien (arm. Khorhurd) versteht man in der armenischen Theologie die gottesdienstlichen Handlungen, in deren Verlauf eine besondere Begegnung Gottes mit dem Menschen stattfindet. Dies ist eine Vereinigung mit Gott, wie sie im irdischen Leben nicht vollständiger möglich ist.

In den Mysterien kommt die Gnade Gottes auf uns herab und durchstrahlt unsere gesamte Natur – sowohl die Seele als auch den Körper. Sie lässt uns an der göttlichen Natur teilhaben, belebt uns, vergöttlicht uns und erschafft uns neu zu ewigem Leben. In den Mysterien werden wir mit himmlischen Erfahrungen begnadet und erhalten einen Vorgeschmack vom Reich Gottes. Vollständig an Ihm teilzuhaben, das heißt, in das Reich Gottes einzugehen und darin zu leben, ist erst nach dem Tod möglich.

Das griechische Wort “mysterion” (Sakrament, Geheimnis) stammt vom Verb “myo”, was “bedecken, verbergen” bedeutet. In dieses Wort legten die heiligen Väter einen weiten Sinn hinein: Als Mysterium wurde die Fleischwerdung Christi bezeichnet, sein Heilsgeschehen, seine Geburt, sein Tod, seine Auferstehung und die anderen Ereignisse seines Lebens. Aber auch der christliche Glaube selbst, die Lehre, die Glaubenssätze, der Gottesdienst, das Gebet, die Kirchenfeste und heiligen Symbole wurden als Mysterium bezeichnet.

Die Armenische Apostolische Kirche kennt sieben Mysterien:

  • Taufe
  • Myrosalbung
  • Buße (Beichte)
  • Eucharistie (Kommunion)
  • Priesterweihe (Ordination)
  • Ehe
  • Krankensalbung (Letzte Ölung)

Alle übrigen gottesdienstlichen Handlungen werden als Riten bezeichnet. Allerdings ist zu beachten, dass die Lehre von den sieben Sakramenten, die sich in den Lehrbüchern der dogmatischen Theologie findet, aus der lateinischen Scholastik entlehnt wurde; daraus stammt auch die Unterscheidung zwischen “Sakramenten” und “Riten”.

Jedes Mysterium hat seine sichtbare Seite, die das Geschehen selbst umfasst, das heißt Worte und Handlungen der Beteiligten sowie die “Stofflichkeit” der Sakramente: Wasser in der Taufe, Brot und Wein in der Eucharistie.

Das Sakrament besitzt aber auch eine unsichtbare Seite — die geistige Wandlung und Wiedergeburt des Menschen. Zu diesem Zweck wird ja das ganze Geschehen vollzogen. Dieser unsichtbare Teil ist das eigentliche “Mysterium”, das jenseits der Grenzen des Sehens und Hörens sowie jenseits des Verstandes und des sinnlichen Empfindens bleibt.

Im Mysterium wird allerdings zugleich mit der Seele auch die körperliche Hülle des Menschen verklärt und wiedergeboren: Das Mysterium ist nicht nur die geistliche, sondern auch die körperliche Teilnahme an den Gaben des Heiligen Geistes. Der Mensch geht in das göttliche Geheimnis mit seinem ganzen Wesen ein, er taucht sowohl mit seiner Seele als auch mit seinem Körper in Gott ein, weil der Leib auch zur Erlösung und Vergöttlichung bestimmt ist. In diesem Sinne vollzieht sich das

– Eintauchen ins Wasser beim Mysterium der Taufe und die
– Salbung mit Öl beim Mysterium der Myronsalbung.

In diesem Sinne geschieht auch das Essen und Trinken von Brot und Wein beim Hl. Abendmahl.

Im zukünftigen Reich Gottes wird die “Stofflichkeit” des Mysteriums nicht mehr notwendig sein, der Mensch wird nicht mehr an Leib und Blut Christi in Gestalt von Brot und Wein teilnehmen, sondern unmittelbar an Christus selbst. Solange wir uns aber auf der irdischen Wanderung befinden, bedürfen wir sichtbarer Zeichen der göttlichen Präsenz. Deswegen haben wir hier an der göttlichen Natur teil

– über das von Gott durchdrungene Wasser,
– das von Gott durchsetzte Brot und den von Gott durchtränkten Wein.

Gott selbst ist der Spender jedes Sakramentes.

Im Augenblick der Konsekration der allerheiligsten Gaben handelt der Priester nicht selbst, er betet nur und ruft Gott, den Vater, herbei: “Und mache dieses Brot zum kostbaren Leib Deines Christus, und was in diesem Kelche ist, zum kostbaren Blut Deines Christus.” Bei der Taufhandlung verkündet der Priester: “Getauft wird der Knecht Gottes …” Damit betont er, dass nicht er, sondern Gott das Mysterium vollzieht.